Supergau!


Es ist kurz nach 6 Uhr in der Früh. Wie jeden Morgen sitzt meine Frau schon beim Frühstück, während ich noch völlig schlaftrunken ins Esszimmer torkle. Mein erster Weg führt mich in die Küche, die Kaffeemaschine ruft nach mir. Ich fülle meine Tasse, tapse zurück zu meiner Lady, drücke ihr einen Kuss und trotte weiter an meinen Platz. Ich habe einen tierischen Kater. Er ist pechschwarz, sitzt auf meinem Stuhl, hört auf den Namen Brutus und schielt auf die Wurstplatte auf dem Tisch. Nachdem er sich nicht vertreiben lassen will, tausche ich einfach die Stühle, und nach diesem Kraftaufwand nehme ich endlich Platz. Nun kann ich mir einen ersten Überblick verschaffen: Butter, Wurst, frische Brötchen. Etwas fehlt, und ebendies löst eine Panikattacke aus: Der Platz, an dem die Tageszeitung liegen sollte, ist leer. Der Supergau! Ich stehe auf, laufe zur Haustür, schaue zuerst in die leere Zeitungsrolle und dann die Straße rauf und runter. Keine Zeitung, und kein Zeitungsausträger weit und breit. Mit gesenktem Haupt schleiche ich zurück ins Esszimmer und zucke mit den Schultern.

 

„Immer noch keine Zeitung?“, fragt mich meine Frau.

 

„Nein“, schüttle ich den Kopf, wissend, was mich nun erwarten wird.

 

„Oh, Schatz, dann wirst Du jetzt wohl leiden müssen!“, schneiden mir die Worte meiner Herzensdame ins Ohr. Meine Liebste wird REDEN wollen.

 

Ich bin ein Morgenmuffel. Ich bin morgens nicht fähig, Konversation zu betreiben. Ich benötige Ruhe, VIEL Ruhe, Kaffee, Zeitung und Zigarette. Ich brauche KEINE Unterhaltung. Vorsichtshalber schleppe ich mich nochmal nach draußen, womöglich ist der Zeitungsfritze inzwischen ja da gewesen. Meine Hoffnung stirbt einen jähen Tod. Wieder am Frühstückstisch legt meine Holde auch sofort los. 

 

„Du Schatz Kathleen hat wieder zwei Kätzchen apropos Kätzchen ich brauche wieder Leckerlies Du kommst doch bestimmt nach Feierabend im Netto vorbei und dann kannst du auch gleich noch Katzenmilch mitbringen und Küchenrollen und Milch brauchen wir auch noch aber Frischmilch keine H-Milch und was könnten wir heute zu Abend essen hast Du eine Idee oder worauf hast Du Lust Tobi ist wahrscheinlich nicht zum Essen da er ist heute abend wieder unterwegs und wenn Du Fleischkäse für morgen früh zum Frühstück willst dann musst Du den auch noch mitbringen dann muss ich nicht extra noch zum Metzger und Eier sind glaub ich auch nicht mehr viel da bring vorsichtshalber auch noch Eier mit aber die L-Eier also die großen und nicht wieder M wie letztes Mal und ach ja Kathleen hat gefragt ob wir am Wochenende kommen Katzen gucken ich hab ihr gesagt das ich erst mal mit Dir sprechen muss und ich soll ihr rechtzeitig Bescheid sagen ob wir kommen weil Dirk im Souvis-Garer kochen will so einen hätte ich ja auch gern und...“, sie unterbricht ihren Monolog und schaut mich fragend an. „Warum lächelst Du den so gequält? Hast Du mir überhaupt zugehört?“

 

Nach eineinhalb Minuten ist meine Frau fertig. Ich auch. Zu viel Information, zu viel für mich und mein schläfriges Ohr. Es fühlt sich an, als ob mir an meiner linken Schläfe grade 3 neue graue Haare wachsen. Ich habe einmal gelesen, dass die Vertreterinnen des schönen Geschlechts im Schnitt 30000 Wörter am Tag sprechen würden. Meine Frau schafft das sogar an einem Morgen, am Frühstückstisch.

 

Ich bin ein Morgenmuffel, und ich brauche jetzt erstmal eine Zigarette. Dann mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Beim Hinausgehen sehe ich die Zeitung in der Rolle stecken. Zu spät.