Morgenmuffel


Es ist ein ganz normaler Morgen. Kurz vor 6 Uhr geht der Radiowecker an, die 6-Uhr-Nachrichten bekomme ich im Dämmerschlaf zwar mit, bevor meine Lady allerdings die Nachttischlampe anknipst, da habe ich die Meldungen schon wieder vergessen. Ich gebe es zu: ich bin ein Morgenmuffel. Während meine Frau gleich aus dem Bett springt, bleibe ich noch ein paar Minuten in den Federn liegen. Würde ich es meiner Frau gleichtun und schwungvoll aufstehen wollen, mit größter Wahrscheinlichkeit würde mein Kreislauf kollabieren. Kurz vor halb 7 schaffe ich es endlich auch, mühevoll, auf die Füße. Neidisch betrachte ich Brutus, unseren schwarzen Kater, der sich am Fußende des Bettes breitgemacht hat. In meinem nächsten Leben werde ich hoffentlich als Katze wiedergeboren. Noch bin ich völlig unfähig, normal zu laufen, und so tappse ich zu meiner Frau an den Frühstückstisch. 

 

„Guten Morgen, mein Schatz!“ Ich gebe ihr einen Kuss, bevor ich weiter in die Küche schlurfe. Mein Ziel ist die Kaffeemaschine. Von den Halb-7-Nachrichten im Radio bekomme ich nicht viel mit, ich brauche erst Kaffee. Mit der Tasse in der Hand kehre ich zurück an den Tisch, den meine Lady schon gedeckt hat, und lasse mich erschöpft auf den Stuhl gleiten. Die Zeitung, für mich den Wirtschafts- und für meine Frau den Lokalteil, liegt bereit. Mehr als die Schlagzeilen kann ich nicht erfassen, der Kaffee wirkt noch nicht. Ich schmiere mir ein Brot, esse, kaue, überfliege die Schlagzeilen und schlürfe Kaffee. Sprechen muss ich nicht, will ich auch nicht. Ich bin, wie erwähnt, ein Morgenmuffel, gebe ich ja offen zu.

 

Seltsame Geräusche dringen plötzlich in mein Ohr. Es gibt übrigens zwei verschiedene Arten von seltsamen Geräuschen. Die eine Art ist ein Lied. „Rosi“ von „Alle Farben“, und ich hasse dieses Lied abgrundtief! Gott sei Dank spielen die das inzwischen nicht mehr so oft. Das andere, seltsame Geräusch kommt praktisch jeden Morgen vor, und zwar von der anderen Seite des Tisches. Meine Frau brabbelt irgendetwas Unverständliches auf Dagmarnisch.

 

„Hmm?“, frage ich und schaue von der Zeitung hoch. Meine Frau schüttelt den Kopf.

 

„Ich weiß, ich muss laaaanngsaaaaam, laaauuut und deeeuuutlich sprechen“, sagt sie langsam, laut und deutlich.

 

„Ich habe grade etwas gelesen, und da kann ich nicht ...“, will ich mich erklären, werde allerdings von ihr gleich unterbrochen.

 

„Du bist doch noch gar nicht richtig wach!“

 

Dann ließt sie mir einen Artikel aus der Zeitung vor, der Startschuss für Konversation am Frühstückstisch. Ich bin ein Morgenmuffel, und ich will am liebsten wieder in mein Bett. Von dem, was mir meine Lady erzählt, verstehe ich definitiv weniger als die Hälfte. Kaffee braucht lange, bis er seine volle Wirkung entfalten kann. Schließlich sind wir fertig mit dem Frühstück. Ich brauche jetzt erst eine Zigarette, also geht es raus auf die Terrasse. Kippe an, ein tiefer Zug, und langsam beginnt das Leben in meinen Körper zurückzukehren. Jetzt hätte ich die Muse, um mich mit meiner Liebsten zu unterhalten. Leider muss ich jetzt zur Arbeit ...