"Unsere Hochzeitsrede

(incl. "unsere Geschichte")

Jeder kennt sie, und hat sie bestimmt auch schon irgendwann einmal selbst gelesen; die Groschenromane, diese dünnen Heftchen, die man für knappe zwei Euro am Bahnhofskiosk bekommen kann. Da gibt es zum Beispiel die Krimis um Jerry Cotton, da gibt es Horror- und Schauerromane, Science-Fiction und Western. Da gibt es den Doktor Stefan Frank, der Arzt, dem alle Frauen vertrauen, und es gibt, in Hülle und Fülle, die furchtbar kitschigen Liebes-Romane. Eines haben diese Heftchen doch gemeinsam; die Geschichten, die sie erzählen, sind meist frei erfunden und sind gespickt von unglaublichen Wendungen und seltsamen Zufällen, so dass man als Leser oft nur mit dem Kopf schütteln kann. Eine solche Geschichte, und bleiben wir einmal bei den Liebes-Romanen, könnte so gehen:

 

Eines schönen Abends, es ist schon herbstlich, grau und trübe draußen, und abends wird es auch schon früh dunkel, da sitzt ein einsamer Schreiberling zuhause in seinem Kämmerlein. Er würde gerne Fernsehen, aber das geht nicht. Sein Vermieter hat beim Schneiden der Hecke am Haus versehentlich das Antennenkabel zerschnitten, und so bleibt der Bildschirm des Fernsehgerätes dunkel. Doch der Schreiberling macht aus der Not eine Tugend, kramt in seiner Bücherkiste und beginnt, in seinen alten Büchern zu lesen. Schnell wird ihm dies zu langweilig, kennt er doch die Bücher schon alle, und so macht er sich auf, und er durchforstet das Internet nach neuem Lesestoff. 

 

Wie es der Zufall so will - und wie wir wissen, leben solche Geschichten ja von Zufällen - wie es der Zufall also so will, entdeckt der Schreiberling dabei einen andern Schreiber, gar einen Zeugschreiber. Figuren in diesen Storys brauchen Namen, die etwas geheimnisvoll klingen, deshalb heißt der Zeugschreiber, der da im weltweiten Netz entdeckt wurde, auch Ron Hard. Und gleich noch eine kleine Brise Zufall bekommt die Geschichte, denn dieser Ron Hard lebt und wirkt nicht etwa in Paris, London oder New York, sondern nur ein paar Kilometer weiter in Bad Dürkheim/Kurstadt. 

 

Das ist natürlich die schicksalhafte Wendung, die dem Roman die rechte Würze verleihen, denn der 'olle Ron' (der heuer leider wegen einer Zahn-OP hat absagen müssen) gibt in Bad Dürkheim eine Lesung. Dort treffen der Zeugschreiber und der Schreiberling sich zum ersten Mal, es entsteht sogar eine Freundschaft, und bald darauf lud Ron  den Schreiberling ein, doch selbst einmal eine solche Lesung zu machen. 

 

Der Novize, der das noch nie zuvor gemacht hatte, will sich diese Chance nicht entgehen lassen, und schlägt ein. Nur: Üben muss er, vorher noch, um sich nicht ganz zu blamieren. Also fragt er im Freundeskreise nach, ob nicht jemand ein Wohnzimmer frei hätte. Schnell meldet sich Kathleenchen, die genug Zeit und Platz hat, und, es ist inzwischen schon mitten im Januar, so trifft man sich an einem Sonntag Mittag in Hessheim, wo der Schreiberling vor kleinem Publikum seine Texte üben will.

 

Inzwischen hat diese Geschichte schon einige Zufälligkeiten zu bieten, wie es sie nur in kitschigen Groschenromanen gibt, und es soll noch weitere geben! Nämlich eben auch den, dass in diesem Publikum eine Frau sitzt, die auf den Namen Dagmar hört. Und obwohl sowohl Dagmar als auch der Schreiberling beide bei der Post arbeiten, so sind sie sich doch vorher noch nie, und erst in Kathleens Wohnzimmer zum ersten Male, begegnet. Und Dagmar ist es, die dem Schreiberling kurzfristig ihr Wohnzimmer zu einer zweiten Übungsstunde anbietet.

 

Wir erinnern uns, es handelt sich hier um einen Liebes-Roman, und die dazugehörige Liebesgeschichte beginnt hier. Um die zweite Wohnzimmerlesung zu planen, schreiben sich Dagmar und der Schreiberling einander, und sie verabreden und treffen sich schließlich auch. Einen ganzen Samstagabend sitzen sie da beisammen, bis in den frühen Sonntagmorgen, und reden und hören dabei Peter Gabriel, den sie beide gerne mögen. Und da kommt Dagmar mit einer Bitte auf den Schreiberling zu, der sonst nur eher düstere Geschichten schreibt:

 

*

 

UNSERE GESCHICHTE

 

„Schreib doch mal eine Geschichte mit Happy End“, hast Du zu mir gesagt.

„Ich schreibe keine Geschichten mit Happy End“, habe ich daraufhin entgegnet. „Ich kann so was nicht. Warum schreibst Du nicht eine?“

 

Wahrscheinlich wiederhole ich mich, aber ich mag dieses kitschige Zeug einfach nicht. Und ich kann so etwas auch nicht schreiben. 

Warum das so ist, das weiß ich eigentlich selbst nicht so genau. Vielleicht, weil ich ein Mann bin. Vielleicht liegt es aber auch an meiner Situation.

Keineswegs bin ich irgendwie ein poetischer Typ, mir fehlt dazu einfach das Gespür für diese sogenannte Romantik ...

 

Am nächsten Tag hast Du Dich bei mir gemeldet: „Du, ich hab da was geschrieben. Wenn Du vorbei kommst, dann lese ich es Dir vor!“

Also bin ich hin zu Dir, abends, nach Feierabend. Und Du hast mir das hier vorgelesen:

 

„Gefühle - Gedanken - Happy End?

 

Gefühle lassen sich nicht vermeiden.

Sie sind plötzlich, meist unerwartet, da.

Ein Blick - eine Berührung genügen.

Das Herz klopft,

im Bauch flattern tausend Schmetterlinge.

Es sind fast vergessene, aber schöne Gefühle.

Lange, sehr lange ist es her, dass man so empfunden hat.

Die Nächte sind schlaflos.

Die Sehnsucht groß.

Der Verstand setzt aus - lass es einfach geschehen.

Empfindet er auch so?

Nun liegt es an ihm, ob es ein Happy End gibt.“

 

Dann hast Du Dir den Block vors Gesicht gehalten, so als ob Du Dich dahinter verstecken willst.

Hast schließlich daran vorbei geschielt, hast mich angeschaut.

Und ich hab Deine Augen gesehen. Diese Tiefe in Deinen Augen.

Das war keine Geschichte, die Du mir vorgelesen hast. Das warst Du. Ohne Maske, ohne Make-up, ungeschminkt.

Und das war der Moment, an dem ich begriffen habe, ich bin dort angekommen, wonach ich so lange gesucht habe.

Zuhause.

 

Ich kann keine Geschichten schreiben mit Happy End.

Happy End bedeutet ja auch irgendwie ein Ende. Und das möchte ich jetzt, am Anfang unserer Geschichte, nicht.

Ich möchte das Ende dieser Geschichte einfach offenlassen, sie stattdessen lieber immer weiter schreiben.

Mit Dir zusammen. 

Wir zwei, wir sind jetzt Eins ...

 

Ich liebe Dich!

 

*

 

So also nimmt die Erzählung folglich ihren Lauf. Unzählige, unglaubliche Zufälle und überraschende Wendungen, die wie kleine Zahnrädchen in einem Uhrwerk ineinandergreifen, treiben die Geschichte voran und lassen sie fast lebendig erscheinen. Und wer diese Groschenromane vom Bahnhofskiosk kennt, der weiß bestimmt auch, dass zum Ende eines Liebesromans immer eine Hochzeit ins Hause steht, in dem sich die Hauptakteure schließlich das „Ja-Wort“ geben. Wer das nicht glauben mag, der ist hiermit jetzt hoffentlich eines Besseren belehrt!

 

Fast 4 Jahre ist es nun her, seit diese, „unsere Geschichte“ begonnen hat. Ein kleiner Zufall, ein einfaches, zerschnittenes Antennenkabel, dass so viele weitere Zufälle zur Folge hatte. Und wenn wir uns jetzt hier in diesem Raum, mit euch, unseren Gästen, umschauen, dann möchte man fast glauben, dass es möglicherweise kein Zufall war, sondern glückliche Fügung und Bestimmung! Ihr alle habt einen kleinen Anteil daran, dass diese Geschichte wahr wurde ...

 

Man könnte diesen Roman jetzt natürlich noch weiter fortsetzen, sind doch inzwischen noch viele weitere Akteure hinzugekommen. Ohne das Ok unserer Kinder Christian, Tobi und Jascha hätte das mit uns nicht funktioniert. Da wären dann (die Grippe-Kranken) Inge und Ralf zu nennen, die als Trauzeugen herhalten durften, oder Yasmin, die den Schreiberling damals am Schlafittchen gepackt und kräftig durchgeschüttelt hat, damit er zur Besinnung kommt. Man müsste auch noch Andrea Weinmann nennen, deren Bild das Cover der „Geschichten ohne Happy End“ ziert, oder Marielle, deren Gemälde im letzten Büchlein zu finden ist. Nicht zu vergessen: Hermann Borgerding, dieser große Dichter, der Einem so viel Kraft und Glauben gibt, zu kämpfen und niemals aufzugeben. Diese Geschichten werden irgendwann erzählt ...

 

Hermann Borgerding hat im Vorfeld gesagt, man müsse keine lange Rede halten, „Danke und Prost!“ wäre völlig ausreichend ... In diesem Sinne „Danke und Prost!“