Brot und Spiele

»Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt!« Hach, waren das noch Zeiten, damals, als alles viel besser war! Wenn es denn heutzutage nur auch noch so wäre. Aber: Das Runde muss ins Eckige, auch während einer weltweiten Pandemie. Also ins Fernsehen, nicht ins Tor. Ins Tor auch, klar, aber das ist ja doch eher zweitrangig. Die Vereine beklagen leere Kassen, manche fürchten gar die Insolvenz. Deshalb muss der Ball wieder rollen, denn nur dann rollt auch wieder der Rubel. Zugeben, dass man sich, durch seit jahrzehntelang steigenden Kommerzwahn, praktisch zur Hure von TV- und Bezahlsendern gemacht hat, mag kaum einer. Aber irgendwie müssen die absurden Ablösesummen und Spielergehälter ja bezahlt werden. Das ist nur mit Ticketverkäufen praktisch unmöglich. Also kann man die Zuschauer getrost nach Hause und vor den Fernseher verbannen. Das wiederum hat ja auch Vorteile; praktisch keine Randale, keine Schlägereien, und die Polizei hat, zumindest diesbezüglich, weniger Arbeit und Stress...

 

Dabei geht es doch buchstäblich um die Wurst! Um die Wurst, und alles, was dahinter steht und steckt. Die Würstchenbudenbesitzer, die Bruzzler und Verkäufer, die Lieferanten, die Wurst-Produzenten und auch hier wieder jede Menge an Personal. Man könnte auch die Getränkeverkäufer, die auf dem Weg zum Stadion stehen und Büchsenbier verkaufen, erwähnen. Oder die, die vor der Arena Schals und Fähnchen verhökern, um damit ihre Familien über die Runden zu bringen. Oder die Kneipenbesitzer, die weiter leere Stühle rücken müssen, weil nach dem Spiel keine Fans mehr strömen. Und man könnte die Liste noch beliebig in alle Richtungen erweitern. Oder bekommen die etwa etwas von den Fernsehgeldern ab? Ergo: Arbeitsplätze sind und bleiben leider weiterhin gefährdet, egal ob der Ball nun rollt oder nicht...

 

Fußball ist natürlich aber auch ein Stück Kulturgut, und hat daher gewiss auch eine Berechtigung. Kultur überhaupt ist systemrelevant, und beginnt und endet nicht mit Fußball. Die großen Stars selbst leiden auch, allerdings wahrscheinlich am wenigsten von allen Betroffenen an der jetzigen Situation. Doch egal wo, sei es im Musikbiz, im Theater, beim Film, usw. überall, wirklich überall, hängt ein ewig langer Rattenschwanz dahinter. Der Mensch dazu neigt nun mal leider dazu, nur das für ihn Sichtbare auch wirklich wahrzunehmen. Viel zu selten schaut man hinter die Kulissen, obwohl grade dort am Allermeisten schnelle Hilfe benötigt wird, obwohl grade dort die allermeisten Jobs und Existenzen im Abseits stehen...

 

Ob es nun richtig ist, die Spiele wieder anzupfeifen, kann und will ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall müssen die bisweilen sträflich vernachlässigten Baustellen auch schnellstmöglich beseitigt werden, sonst landet der Ball am Ende noch im eigenen Tor...

 


© 13.05.2020