Aderlass

Ich bin eingeschlafen, das ist alles. Ich war einfach nur müde, und habe nur kurz die Augen zugemacht, das ist alles, und als ich die Augen wieder geöffnet habe, da hatte sich die Welt komplett verändert. Was eben noch ganz normal war, schien im nächsten Moment völlig daneben. Ich habe den Überblick verloren, und jetzt scheint es, als würde ich den Verstand verlieren.

 

Wir waren doch langsam wieder auf einem guten Weg. Jedenfalls hatte ich eine Zeitlang tatsächlich das Gefühl, dass die Waage nicht nur in eine Richtung ausschlägt, sondern sich einpendelt, und wir genau dort weiter ansetzen könnte. Habe ich etwas übersehen, gab es irgendeinen einen Hinweis, oder habe ich den Alarm vielleicht nur überhört? Ich kann mir dieses Chaos einfach nicht rational erklären. 

 

Ich würde gerne wieder schlafen, ich würde gerne wieder träumen, von früher, als ich noch ein Kind und alles noch sorgenfrei war. Klar, damals hat es mich auch noch nicht wirklich gekümmert, die Probleme der Welt liefen weit an mir vorbei. Ich war eben noch jung, und ich war eben auch noch sehr naiv. Natürlich weiß ich heute, dass die Menschen auch damals schon Ängste hatten, dass es auch damals Bedrohungen gab.

 

Vielleicht ist mein Blick zurück auch nur verklärt, einfach nur ein frommer Wunsch, dass es so war, wie es mir meine Erinnerung vermittelt. Dennoch behaupte ich, dass der Zusammenhalt früher größer war. Das das Empfinden von Ungerechtigkeit früher größer war. Das man entschlossener war, etwas zu ändern. Früher hatte man Leuten den Ritterschlag verliehen für ihre Taten. Heute verspottet man sie. 

 

Wann hat sich das geändert? Ich erinnere mich an gestern, ich hatte Freudentränen in den Augen, als die Mauer fiel und zusammen kam, was schon immer zusammen gehörte. Wirklich zusammengewachsen ist es leider nie. Man begann sogar schnell, wieder Gräben zu ziehen, die inzwischen längst Gräber sind. Eingegriffen habe ich nicht, hat niemand, obwohl man da schon die Zeichen hätte erkennen müssen. Stattdessen verhielt man sich still und hat einfach abgewartet und gehofft, es würde sich von alleine regeln. 

 

Man hat sich abgelenkt, und hat sich einfach ablenken lassen, man hat es sich allzu leicht gemacht. Man verbrannte die Geschichtsbücher, um Platz zu schaffen, für Neues. Voller Stolz präsentierte man seinen Schrank voller Trophäen, neue Freunde kamen und gingen ein und aus, der Schampus floss in Strömen. Ich nehme mich da nicht aus. Wir tanzten entlang der dünnen weißen Linie, Mahnungen und Warnungen in den Wind schlagend. La Dolce Vita, immer hungrig und durstig nach mehr. Immer mehr!

 

Aus Freunden wurden Fremde. Von manchen wünschte ich mir, ich wäre ihnen nie begegnet. Ich ertrug ihre ständigen Belehrungen nur schwer, alles wussten sie besser. Sogar das Fremde eine Bedrohung sind. Und das Asylanten nur zu uns kommen, um uns auszunehmen. Die sollen dahin zurück, wo sie herkommen. Die ganzen Berichte, dass dort Krieg wäre, das sei doch reine Propaganda, das stimmt doch alles nicht. Und für die sollen wir den Rücken krumm machen, und auch noch bezahlen? Schuldige findet man immer. Es ist ein Einfaches, Wehrlose an den Pranger zu stellen. Bei sich selbst sucht man nie, somit würde man ja Schwäche zeigen, und wer schwach ist, bleibt auf der Strecke. Woher kommt nur dieser Narzissmus und diese Antipathie? Wann hat der Mensch aufgehört, Mensch zu sein?

 

Die Bilder aus Aleppo verfolgen mich bis in den Schlaf, und wenn dann die Bomben einschlagen, dann schrecke ich auf. Um mich herum Blut und Tod, und Kinder, die vor Angst weinen. Angst, die ich mit ihnen teile. Ich kann das nicht einfach ausblenden, ich kann nicht so tun, als ginge mich das nichts an. Es ist kein TV-Programm, das sich auf Knopfdruck ändern lässt. Ich fühle mich im Stich gelassen, so wie man die Flüchtlinge in den Lagern im Stich lässt. Ich bin ein Teil davon.

 

Fellinis Tage sind gezählt. Die Propheten verkünden billigen Mainstream, tagtäglich angepasst. Selbst die Poeten schreien nur noch ihre Stille heraus. Ich versuche, Verständnis zu haben, ich versuche zu verstehen, höre zu, bringe meine Argumente. Es fällt mir immer schwerer, wenn ich den Gleichschritt vor der Tür höre. Ich würde gerne wieder schlafen, ich bin unendlich müde von dieser Zeit, doch ich fürchte die Bomben. Es sind die Eigenen. Sie kommen näher. 

 


© 15.05.2020